Dienstag, 21. September 2010

Das Monsterauto


Es ist Samstag Abend, mal wieder regnet es, aber so richtig fängt es natürlich erst in dem Augenblick an, als ich mit einer Freundin das Haus verlasse und wir uns auf den Weg nach „Grupo Venancia“ machen. Grupo Venancia ist eine Frauenorganisation, die auch so etwas wie ein kulturelles Zentrum besitzen. Wenn man Kultur sucht in Matagalpa, dann kann man nur dort etwas finden. Jedes Wochenende werden Filme gezeigt, es gibt Theaterstücke oder Vorträge. Es ist fast immer etwas los und gutes Essen gibt es dort auch.
An diesem Abend haben wir noch nicht einmal die Hälfte des Weges zurück gelegt und sind schon total nass. Es ist nicht viel los auf den schwach beleuchteten Straßen. Musik ertönt aus jedem zweiten Haus, Menschen begutachten das Geschehen auf den Straßen von ihren Wohnzimmern aus. Türen und „Fenster“, so fern es welche gibt, sind hier eigentlich nie geschlossen. Gardinen kennt man nicht. Ich bin neugierig und gucke ab und zu in eines der Häuser herein:
Eine alte Frau sitzt vor ihrem sehr, wirklich sehr laut eingestellten Radio, man könnte meinen es findet ein Party statt und lächelt vor sich hin.
Im nächsten Haus sitzt die ganze Familie verstreut auf dem Boden und auf Stühlen. Sie essen zusammen aus der gleichen Schüssel, in Nicaragua teilt man das Essen immer.
Ein Haus weiter wippt ein alter Mann in seinem Schaukelstuhl langsam vor und zurück, während sein Enkel, das Motorrad startet, welches mitten, wirklich mitten im Wohnzimmer steht.
Ich muss schmunzeln und wir laufen weiter, hangeln uns von Vordach zu Vordach und versuchen nicht noch nasser zu werden.
Bis plötzlich meine Freundin stehen bleibt und laut „Nein!“ ruft. Was denn los wäre, frage ich verdutzt. Aber es bleibt keine Zeit auf meine Frage zu antworten. Sie zeigt bloß mit dem Finger auf eins sehr, wirklich fast überdimensionales Auto, das uns auf unserer Straßenseite entgegen kommt und die Hauswände mit einer seltsamen Flüssigkeit ab zu sprühen scheint.
Schnell, an die Wand!“, schreit sie mich an. Wir drücken uns dicht an die Wand des Hauses vor dem wir gerade stehen, mit den Händen schützen wir unsere Augen und ich frage mich, was jetzt wohl als nächstes passiert. Darauf muss ich nicht lange warten, denn im nächsten Augenblick hat das Riesenauto unsere Höhe erreicht und wir werden, genau wie die Häuser ab gesprüht, mit einer mir bis dahin unbekannten Substanz. Als das Auto vorbei gefahren ist, ist die Luft von Gas erfüllt und wir müssen beide stark husten. Es stinkt nach Chemie und ich sehe, wie sich das Gas in der Luft langsam auflöst.
Was war das?“ frage ich ziemlich erschrocken. „Ein Insektenvernichtungsmittel - die sprühen damit immer die Häuser ab, um lästige Insekten zu töten.“
Nicht nur nass, sondern auch nach Insektenvertilgungsmittel riechend, kommen wir schließlich an unserem Ziel an. Das Theaterstück ist diesmal sehr gut. (Eine Vorstellung von zwei argentinischen Künstlern, die mit dem Fahrrad bis nach Nicaragua hoch gefahren sind.)
Aber trotzdem ärgere ich mich, dass das Auto nicht anhalten konnte oder uns vorbei gelassen hat, denn der Fahrer hat uns eindeutig gesehen.
Wenigstens kann ich sicher sein, dass ich an diesem Abend nicht mehr von Kakerlaken oder anderem gefährlichen Getier angefallen werde.

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